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Mythen-Check Folge 2: Helfen Antidepressiva wirklich bei Angststörungen?

Gerade über die Entstehung, aber auch über die richtige Behandlung von Angsterkrankungen, gibt eine ganze Reihe von Mythen, die ich gerne mal auf ihren Wahrheitsgehalt überprüfen möchte.

Weiter geht’s mit Mythos Nr. 2. und der lautet wie folgt: Antidepressiva helfen bei Angststörungen.

Was ist dran an dieser Behauptung? Vor gut 40 Jahren scheute die Pharmaindustrie keine Kosten und Mühen, um ein Medikament auf den Markt zu bringen, dass man als Antidepressivum bezeichnete. Dieses Medikament, das Jahre zuvor gegen Schizophrenie entwickelt worden war, sich hier aber als wirkungslos herausstellte, hatte bei einigen Probanden eine leichte Stimmungsaufhellung verursacht. Deswegen kam man auf die Idee, es als Medikament gegen Depressionen zu vermarkten. Es auch bei Angststörungen einzusetzen, stand damals noch gar nicht zur Debatte.

Da mittlerweile jedoch jeder 6. irgendwann in seinem Leben mit krankhaften Ängsten zu tun hat, kam die Pharmaindustrie einige Jahre später auf die lukrative Idee, das „angebliche“ Wirkungsspektrum dieser Medikamente von Depressionen einfach auch auf Angststörungen auszuweiten. Doch damit nicht genug! Je mehr Antidepressiva man verkaufen konnte, umso mehr Anwendungsgebiete ließen sich die Marketingabteilungen der Pharmakonzerne einfallen. Inzwischen werden Antidepressiva auch bei Zwangsstörungen, Menstruationsbeschwerden, Rückenschmerzen, vorzeitigem Samenerguss, Beschwerden in den Wechseljahren, Inkontinenz, Schmerzzuständen, Alkoholismus und Ess-Störungen verschrieben. Und das, obwohl sich mittlerweile herausgestellt hat, dass Antidepressiva schon bei ihrem ursprünglichen Anwendungsgebiet, den Depressionen, zumindest bei leichten und bei mittelschweren Depressionen, genauso viel oder wenig helfen, wie harmlose Zuckerpillen, sogenannte Placebos.

Deswegen empfiehlt eine ärztliche Leitlinie, die die Bundesärztekammer bereits im Jahr 2015 herausgegeben hat, Antidepressiva in solchen Fällen nicht mehr einzusetzen. Schließlich haben diese Medikamente, im Gegensatz zu Zuckerpillen, eine Menge unangenehmer Nebenwirkungen, und genau davor sollten Patienten ja eigentlich geschützt werden. Selbiges gilt dann natürlich erst recht für den Einsatz von Antidepressiva bei Angsterkrankungen. Es ist zu vermuten, dass diese Leitlinie vielen Ärzten und Psychotherapeuten bis heute nicht bekannt ist, wie anders sollte man sonst erklären, dass die Anzahl der verordneten Antidepressiva dennoch nach wie vor ansteigt.

Fazit unseres zweiten Mythen-Checks:

Die Behauptung „Antidepressiva helfen bei Angststörungen“ stimmt so leider nicht!

Der wahre Grund, warum einige Angstpatienten tatsächlich das Gefühl haben, Antidepressiva würden ihnen etwas Erleichterung verschaffen, ist der, dass diese Medikamente oft die mentalen Fähigkeiten des Gehirns verlangsamen. Und wer nicht mehr ganz so schnell denken kann, kann logischerweise auch angstauslösende Gedanken und Bilder nicht mehr ganz so schnell abrufen und empfindet dadurch etwas weniger Angst. Derselbe Effekt lässt sich allerdings auch ohne Medikamente und somit ohne Nebenwirkungen erreichen – und zwar mit den Stopptechniken aus meinem Buch und natürlich auch mit der 10-Satz-Methode.

Bild: © Fotolia, Family Business, Nr. 111337138